Schlaflos in Heikendorf

Das menschliche Gehirn ist bekanntermaßen der Ort, der dem Menschen die Fähigkeit verleiht zu lernen, um in seiner Umwelt zu überleben. Das Gehirn macht nichts lieber als lernen und durch seine Plastizität ist es praktisch ideal für diesen Zweck konstruiert. Lernen wiederum bedeutet letztlich nichts anderes als Erkennen und Vergleichen von Gemeinsamkeiten und Unterschieden, um diese dann zu analysieren und einzuordnen. Das findet in jeder Sekunde unseres Lebens ununterbrochen statt, nur merken wir oftmals nichts davon, da es gnädigerweise ein Unbewusstes gibt, das uns vor dem mentalen Overkill schützt. Doch wird alles Erlebte nicht einfach unsortiert in die Gedächtnisschublade geworfen. Stark vereinfacht kann man sich vorstellen, dass die Bilder, Töne, Gedanken und Gefühle im Schlaf noch einmal abgespielt, gesichtet, sortiert und erst dann eingeordnet werden, wo sie hingehören, d.h. in bestimmten Regionen des Gehirns gespeichert werden. Diesen lebensnotwendigen Prozess nennt man REM-Schlaf und daran kann man sich manchmal morgens noch kurze Zeit anhand von Traumbruchstücken erinnern. Nun ist natürlich jedes Gehirn ein bisschen anders, sonst wäre das Leben langweilig. Mein eigenes Gehirn beispielsweise funktioniert so, dass es in einer gegebenen Zeiteinheit zwar sehr viel aufnehmen, aber nicht auf alles sofort angemessen reagieren kann. Der nächtliche mentale Verdauungsprozess bringt oft Klarheit in diesen Wust an Eindrücken und Informationen. Meistens funktioniert das ganz gut. Ich habe das Glück, ein Gehirn zu besitzen, das anerkannte und moderne pädagogische Ziele für sich formuliert und größtenteils auch umgesetzt hat. Es hat viele Interessen und lernt somit meist höchst motiviert und voller Freude. Allerdings ist es doch auch ein sehr soziales Wesen, das gerne seine Lernfreude und die Früchte seiner Arbeit mit anderen teilen möchte und sich durchaus gelegentlich über Lob und Anerkennung von außen freut. In seiner Begeisterung über die Ergebnisse seines unermüdlichen Einsatzes schießt es mit seinem Mitteilungsbedürfnis auch manchmal über das Ziel hinaus. So geschah es auch heute Nacht und hier beginnt also die eigentliche Geschichte. Am Abend war mein Kopf voll von all den Beiträgen, Eindrücken und Diskussionspunkten über Wege und Ziele einer sinnvollen Pädagogik auf dem Elternabend der Klasse 6a. Um meinem Gehirn vor dem Schlafen ein wenig Ablenkung zu verschaffen, zappte ich noch ein wenig vor dem Fernseher hin und her und streifte das Thema „Schlank im Schlaf“ in einer Talksendung. Das war meinem Geisteszustand angemessen und setzte meinen IQ in kürzester Zeit um mindestens 15 Punkte nach unten, so dass sich das Gedankenkarussell verlangsamte und ich recht bald schlafen gehen konnte. Irgendwann wachte ich auf in der Annahme, es müsse so gegen halb sieben sein, die Zeit, zu der ich normalerweise aufstehe. Das konnte ich zunächst nicht verifizieren, da mein Gehirn sofort losplapperte: „Weißt du, es ging doch gestern Abend um die Trennung von Jungen und Mädchen im naturwissenschaftlichen Unterricht. Und da wurde doch von den Erfahrungen mit getrenntgeschlechtlichem Unterricht erzählt. Nämlich, dass die Jungen eine ganz andere Herangehensweise an Aufgabenstellungen zur Physik haben als die Mädchen.“ Weiß ich doch.“ entgegnete ich verschlafen. Ich selber hatte von der 6. bis zur 9 Klasse ein Mädchengymnasium mit dem schönen Namen Marie-Curie-Gymnasium besucht. Wenn ich es auch in der Zeit manchmal aus anderen Gründen blöd fand, dass keine Jungen in der Klasse waren, war ich doch später oft dankbar dafür gewesen. Mein Interesse und mein Selbstbewusstsein auf naturwissenschaftlichem Gebiet hätten sich in einer gemischtgeschlechtlichen Lerngruppe mit Sicherheit nicht in dem Maße entwickeln können. In der Klasse gab es ganz natürlich Mädchen mit überdurchschnittlicher Mathe-, Physik- oder Chemiekompetenz, Fähigkeiten die sonst, für Schüler und Lehrer unbewusst, vor allem den Jungen zugeschrieben werden. In der reinen Mädchenklasse hatten weder Schülerinnen noch Lehrerinnen die Gelegenheit, sich zurückzunehmen oder zurückzulehnen mit dem Argument, Naturwissenschaft sei eben doch eher Jungensache. Aufgrund meiner persönlichen Geschichte hatte ich mich immer für das Thema Geschlechtertrennung in der Schule interessiert und im Laufe meines Lebens auch diverse Studien und Veröffentlichungen dazu gelesen. „Was willst du? fragte ich mein Gehirn genervt, „Genau das ist doch gestern aufgrund der persönlichen Erfahrung bestätigt worden. Jungen und Mädchen haben aufgrund ihrer Erziehung und dem gesellschaftlich geprägten Geschlechterbild ganz unterschiedliche Herangehensweisen an naturwissenschaftliche Themen. Mädchen trauen sich meist schon ab dem Alter von 10 Jahren auf diesem Gebiet und anderen Gebieten nicht mehr so viel zu ie Jungen. Natürlich nur im Durchschnitt, Ausnahmen gibt es immer.“ Ich dachte schon, damit wäre das Thema erledigt. Aber weit gefehlt. Triumphierend gab mein Gehirn nun zu bedenken: „ Genau, und…“- manchmal wurde es im Überschwang theatralisch und machte eine dieser affigen Kunstpausen- „ genau deshalb wird empfohlen, Mädchen und Jungen im naturwissenschaftlichen Unterricht zu trennen.“ „Ja schon“, langsam wurde es mir zu bunt, “aber hier wurde entschieden, das nicht zu machen. Eine Umfrage unter den Schülern hat ergeben, dass sowohl Mädchen als auch Jungen lieber zusammen unterrichtet werden wollen.“ Jetzt grinste mich das Gehirn überlegen an. Ich wusste sofort, ich war in irgendeine Falle getappt. In dem Moment schaute ich auf die Uhr. Vier Uhr achtundzwanzig. Das wollte ich nicht glauben. „Spinnst du? fuhr ich das Gehirn unfreundlich an. „In zwei Stunden muss ich aufstehen. Jetzt lass mich gefälligst in Ruhe weiterschlafen!“ Das war ein guter Versuch, aber ich wusste tief in meinem Innern, dass ich an diesem Punkt nicht so leicht würde aussteigen können. Prompt ignorierte es meinen Ausbruch und fuhr gutgelaunt und mit gönnerhafter Miene fort: „Natürlich wollen die zusammen unterrichtet werden. Das ist nämlich für die meisten Schüler und Schülerinnen zwischenmenschlich einfach interessanter und oft lustiger. Wir hatten aber gesagt, die Jungen sind handlungsorientierter, packen es also sofort an. Die Mädchen sind zurückhaltender und überlegen erst einmal. Gerade dieses geschlechterspezifische Verhalten wird im gemischtgeschlechtlichen naturwissenschaftlichen Unterricht verstärkt, weil da die Rollen (unbewusst) klar verteilt sind. Das ist das Ergebnis diverser Untersuchungen und es ist nicht zu erwarten, dass gerade diese Gruppe anders reagiert.“ Na toll, das wusste ich vorher auch schon. Bisher konnte ich damit auch gut schlafen und das war ja wohl kein Grund, mich heute um kurz vor halb fünf Uhr morgens zu wecken. Jedoch hatte ich keine Zeit, meinem Unmut Luft zu machen, denn mein Gehirn dozierte weiter. „Und jetzt erkläre ich dir, warum ich dich geweckt habe. Wenn es um pädagogische Entscheidungen geht, werden die von den Lehrern oder Eltern getroffen, weil davon ausgegangen werden kann, dass Kinder in dem Alter noch nicht in der Lage sind, ihre Entscheidungen umfassend, sachlich begründet und besonders langfristig zu ihrem Wohl zu treffen.“ “Ich will schlafen!“ rief ich verzweifelt dazwischen. Mein Gehirn fuhr ungerührt fort: „Na gut, ich gebe dir ein Beispiel. Die Kinder sollen angstfrei aus sich heraus und ohne Notendruck lernen. Viele Kinder wollen aber wissen wie sie stehen und wollen sich über Noten vergleichen. Sie fordern auch Sanktionen für unerwünschtes Verhalten ein. Hier wird aber nicht der Kinderwunsch zur Entscheidung herangezogen, sondern, wie ich finde zurecht, die pädagogischen Wege und Ziele werden von den Erwachsenen formuliert und durchgesetzt. Das führt eben langfristig zu menschlich und intellektuell besseren Ergebnissen.“ „Ja“, seufze ich resigniert, „das ist doch auch vernünftig. Und wo ist nun das Problem?“ Das Gehirn strahlte zufrieden. Das war wohl die richtige Frage und es gelangte nun ganz offensichtlich zum Höhepunkt seiner ausschweifenden Ausführungen. Währenddessen schöpfte ich neue Hoffnung, in dieser Nacht vielleicht doch noch ein wenig Schlaf zu bekommen. „Als ich mich nun wieder um deinen täglichen Eindrucksbrei kümmern musste… -wieder eine Kunstpause, diesmal kombiniert mit einem vorwurfsvollen Blick. Mein Gehirn ist nämlich der Meinung, ich könne seine Arbeit deutlich erleichtern, wenn ich meine Umgebung und meine Gedanken bewusster wählen würde, da die Eindrücke, die es zu verarbeiten hat, daraus resultieren. „Also, als ich wieder deinen täglichen Eindrucksbrei ordnete, kam ich an einer Stelle einfach nicht weiter. Da war diese Ungereimtheit und ich wusste im ersten Moment nicht, wo ich sie hinsortieren sollte. Normalerweise entscheiden Erwachsene aufgrund ihrer pädagogischer Kompetenz wie und mit welchem Ziel unterrichtet werden soll. Siehst du, und genau dort ist der Knackpunkt. Im Fall des gemischtgeschlechtlichen Naturkundeunterrichts sollen die Kinder über eine langfristig so wichtige Frage selbst entscheiden dürfen. Da wird den Kindern eine Entscheidungskompetenz zugesprochen, die ich für diesen Sachverhalt nicht für angemessen halte. Das ist die Ungereimtheit und die habe ich entdeckt!“ Voller Stolz beendete mein Gehirn den Satz und sah mich erwartungsvoll an. „Und wegen dieser Kleinigkeit hast du mich geweckt? Hätte das nicht bis morgen Zeit gehabt? Das kann doch wohl nicht wahr sein!“ rief ich entnervt und müde. An seiner Reaktion merkte ich sofort, dass ich einen großen Fehler gemacht hatte. Jetzt war das Gehirn beleidigt, der Gesichtsausdruck sprach Bände, und das hieß, ich würde in dieser Nacht gar nicht mehr schlafen können. „So ist das also. Das ist der Dank für all die Mühen tagein, tagaus….usw, usw.“ lamentierte es. Wenn ich jetzt überhaupt noch ein wenig Schlaf abbekommen wollte, musste ich ganz schnell ein Friedensangebot machen, um mein Gehirn zu besänftigen. Mit meinem süßesten Lächeln wandte ich mich an mein schmollendes Gehirn: „O.K., es tut mir leid! Ich weiß deine Arbeit wirklich zu schätzen. Und deine Ausführungen sind außerordentlich interessant, aber ich bin halt ein bisschen müde. Wie wäre es, wenn ich morgen unser Gespräch aufschreibe und allen Interessierten zugänglich mache? Du kannst dich dann erst einmal anderen Aufgaben widmen und später ganz entspannt die Klärung dieses Punktes vornehmen. Ich glaube, das würde uns jetzt wirklich weiterhelfen.“ Glück gehabt, zuerst ungläubiges Staunen, dann erhellte sich das Gesicht und mein Gehirn antwortete geschmeichelt: Du würdest unsere Diskussion und meinen Beitrag dazu wirklich veröffentlichen? Das hätte ich dir nie zugetraut. Gut, ich bin einverstanden, aber nur, wenn du es mir versprichst.“ Das tat ich also. Erstaunlicherweise war es erst vier Uhr dreißig, als ich danach wieder auf die Uhr schaute. Ich drehte mich um und schlief sofort wieder ein. Da ich ein zuverlässiger Mensch bin, löse ich hier mein Versprechen ein. Und ja, es hat sich heute Nacht tatsächlich ganz genau so zugetragen….!

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