Prinzessin Sonnenschein

Es war einmal eine Prinzessin, die war nicht nur über alle Maßen schön und klug, sondern auch ungewöhnlich mutig und stark. Dabei unterschied sich die Prinzessin auf den ersten Blick nicht sonderlich von anderen Menschen. Sie hatte keine langen goldenen Locken wie die Prinzessinnen in den anderen Märchen, sie trug auch keine prächtigen königlichen Gewänder und schmückte sich nicht mit glitzerndem Geschmeide, sondern trug gewöhnliche Kleidung wie andere Leute im Land auch. Das wusste sie aber nicht und das machte auch nichts, denn die Prinzessin hatte einen Freund. Ihr Freund war ein Spiegel aus makellos geschliffenem Kristall und natürlich war es ein ganz besonderer Spiegel. Immer wenn die Prinzessin hineinschaute, sah der Spiegel ihre Schönheit, ihre Klugheit, ihren Mut und die Stärke in ihrem Innern und all das spiegelte er nach außen wider. Dieses Bild sah die Prinzessin dann im Spiegel und sie freute sich. Der Spiegel spiegelte dann auch die Freude und die Prinzessin wurde sogleich noch ein bisschen schöner, klüger, mutiger und stärker. Für Prinzessin Sonnenschein gab es deshalb keine Aufgabe, die zu schwer für sie war, kein Rätsel, das sie nicht lösen konnte und keinen Drachen, der nicht von ihr besiegt werden konnte. Diese Prinzessin hieß Sonnenschein, denn in ihrer Nähe schienen auch für die anderen Menschen die Farben intensiver zu leuchten und die Welt eines jeden Menschen plötzlich heller und bunter zu werden. Alle Melodien klangen fröhlicher und den Menschen wurde warm ums Herz, wenn sie in ihrer Nähe war. Und jedes Mal wenn sie einen Raum betrat, schauten sich die Menschen nach der Prinzessin um und riefen“ Seht nur, da kommt unsere wunderbare Prinzessin!“. Nun kam aber eines Tages ein Zauberer in dieses glückliche Land. Er war böse und gierig und wollte all den Reichtum des Landes und seiner Bewohner für sich haben. Aber seine Augen waren für Schönheit blind, seine Ohren für Musik taub, und er konnte nichts wirklich berühren, denn sein Herz war aus Stein. Da wurde er von Neid fast zerfressen und missgönnte den Bewohnern ihr Glück. Er stieg auf den höchsten Berg, von dem aus er alles überblicken konnte, breitete die Arme aus und stieß einen schrecklichen Fluch aus. Von nun an sollten die Bewohner des Landes alles, was geschah, auf die gleiche Weise erleben, wie der Zauberer es tat. Das Land hatte sich äußerlich nicht verändert und ein Fremder hätte vermutlich zuerst nichts bemerkt. Aber die Menschen begannen die Welt durch die Augen des Zauberers zu sehen. Wenn die Sonne schien, sahen sie nur noch die Schatten und die gleichen Sonnenstrahlen, die früher ihre Herzen gewärmt hatten, blendeten und verbrannten sie nun. Deshalb verschlossen sie ihre Augen und mieden sie die Sonne. Die Blumen blühten in den prächtigsten Farben, doch nun vermischten sich alle Farben für die Menschen, die sie betrachteten. Dadurch wurde alles grau und die Blumen wurden achtlos zertrampelt. Und sie hörten das Gezwitscher der Vögel, das früher wie eine fröhliche leise Melodie die Luft erfüllte, durch seine Ohren. Nun kreischte es schrill in ihren Köpfen. Deshalb verschlossen sie ihre Ohren. Und nach einer Weile wurden sie schwermütig und begannen, auch den gleichen Hass und die gleiche Gier zu fühlen und ihre Seelen verdarben. Prinzessin Sonnenschein aber wusste nichts von alledem. Ihr Herz war so rein, ihr Blick so klar und ihr Verstand so scharf, dass ein fremder Zauber ihr nichts anhaben konnte. Unbekümmert zog sie hinaus auf der Suche nach neuen Abenteuern. Die Sonne tauchte das Land in ein warmes sanftes Licht, der Wind strich sanft über die Felder, die Luft war erfüllt von Blumenduft und die Prinzessin sang mit ihrer glockenhellen Stimme ein fröhliches Lied. Doch alle Leute, die sie unterwegs traf, machten finstere Gesichter und niemand lächelte Sonnenschein zu. Nach einer Weile begegnete sie einer alten Frau, die weise aussah. Daher sprach sie sie an: „Guten Tag. Könnt Ihr mir sagen, warum alle Menschen so traurig aussehen, obwohl es ihnen in unserem schönen Land doch gut gehen müsste?“ Die Alte erwiderte barsch: „Du musst sehr dumm sein. Wenn du nur ein wenig mehr Verstand hättest, wüsstest du die Antwort oder könntest dir die Frage wenigstens selbst beantworten.“ Damit ließ sie die Prinzessin stehen und ging ihres Weges. Lange wanderte die Prinzessin in Gedanken versunken weiter, doch solange die Prinzessin auch nachgrübelte, sie konnte es sich nicht erklären und daher zweifelte sie an ihrem Verstand. Da stieg unmerklich ein feiner undurchdringlicher Nebel in ihrem Kopf auf. Am Abend dieses Tages traf sie auf dem Weg eine prächtig gekleidete Dame, die grimmig dreinblickte und Prinzessin Sonnenschein nicht beachtete. Eine solche Reaktion war die Prinzessin nicht gewöhnt. Also lächelte sie die Frau an und sagte: „Was macht Ihr so ein missmutiges Gesicht?“ Die Frau schaute sie grimmig an. „Was geht dich das an?“ „Ich bin Prinzessin Sonnenschein.“ entgegnete die Prinzessin. Die Dame musterte sie argwöhnisch und verächtlich von oben bis unten und erwiderte: „Du willst eine Prinzessin sein?“ Sie holte einen kleinen goldenen Spiegel aus der Tasche und hielt ihn in die Höhe, so dass sich die Prinzessin darin sehen konnte. „Schau dich doch im Spiegel an! Sieht so etwa eine Prinzessin aus? Hast du goldene Locken und trägst du schöne Kleider und glitzerndes Geschmeide?“ Und als sie sich selbst im Spiegel erblickte, erschrak die Prinzessin zutiefst. Sie hatte sich zuvor immer nur in ihrem eigenen Spiegel gesehen. In dem Spiegel der Dame aber sah sie ganz gewöhnlich und überhaupt nicht wie eine Prinzessin aus. Traurig gab die Prinzessin der Dame Recht und verabschiedete sich. Da legte sich ein dunkler Schleier über ihre Augen und die Welt um sie herum wurde grau. Sonnenschein wanderte weiter und kam in einen Wald. Die Vögel zwitscherten in den Bäumen und das stimmte die traurige Prinzessin ein wenig fröhlicher. An einer Lichtung tauchte plötzlich ein Mann auf, der sich mit gequältem Gesicht die Ohren zuhielt. Die Prinzessin erhob ihre Stimme, damit er sie hören konnte. „Guten Tag.“ rief sie laut. „Warum hältst du dir die Ohren zu?“ Der Mann musterte sie unfreundlich, nahm kurz die Hände herunter und fuhr sie an: „Die Vögel in den Bäumen kreischen den ganzen Tag so laut, dass ich davon fast verrückt werde. Und nun brüllst Du mich auch noch an. Wenn mich schon die Vögel nicht taub machen, dann wirst du es noch schaffen.“ Die Prinzessin erschrak, denn das wollte sie natürlich nicht und sie bekam auch Angst vor dem Gesang der Vögel. Von diesem Augenblick an wurde sie tief im Innern stumm und taub. Nach einer weiteren guten Stunde traf Sonnenschein einen uralten kleinen Mann, der aus dem dunklen Schatten einer kleinen Höhle hervorblinzelte. Die Prinzessin sprach ihn an, weil sie wissen wollte, was er dort tat. „Guten Tag. Mein Name ist Sonnenschein.“ Das runzelige Männchen hob den Kopf: „Sonnenschein? Was ist denn das für ein grässlicher Name? Sieh mich an, ich versuche mich vor der Sonne zu schützen, denn meine Haut ist schon ganz verbrannt. Weißt du denn nicht, dass alle Menschen die Sonne hassen? Mit einem solchen Namen werden die Menschen dich auch hassen.“ Da erschrak Sonnenschein zutiefst, denn sie wollte nicht ohne Liebe leben. Fortan nannte sie sich Schattendunkel. Da legte sich ein schwarzer Schatten auf ihre Seele und gramgebeugt wanderte sie weiter. Eines Tages hörte sie plötzlich ein fürchterliches Gebrüll. Sie erkannte das Geräusch sofort. Es war ein dreiköpfiger Drache. Solche Ungeheuer hatten schon früher versucht, das Land zu zerstören, aber die Prinzessin hatte mit ihrem Mut und ihrer Stärke bisher noch jeden Drachen besiegt. Ihr erster Impuls war es, auch diesmal zu kämpfen, doch dann kamen ihr Zweifel. Als sie das letzte Mal auf einen Drachen getroffen war, hatte sie geglaubt, eine schöne, kluge und starke Prinzessin zu sein. In diesem Moment bemerkte der Drache sie und stürmte geradewegs auf sie zu. Er rollte wild mit den funkelnden Augen und Feuer und Rauch quollen aus seinem weit aufgerissenen Maul. Bei diesem schrecklichen Anblick verließ die Prinzessin der Mut und von Angst überwältigt wollte sie fortlaufen, doch die Beine versagten ihr. Der Drache aber musterte sie nur böse, schnaubte dann einmal verächtlich und stapfte an ihr vorbei. Da brach das Prinzessinnenherz entzwei und wäre jemand mit einem feinem Gehör dabei gewesen, so hätte er ein leises Geräusch vernommen, wie wenn ein Glas einen Sprung bekommt. Nach langer Zeit kehrte die Prinzessin Sonnenschein als kleiner dunkler Schatten ihrer selbst nach Hause zurück, und niemand bemerkte ihre Ankunft. Der böse Zauberer, so schien es, hatte sein Ziel erreicht. Sein Fluch hatte das Land schon fast zerstört und nichts und niemand schien es mehr retten zu können. Da wo früher nur Licht, Freude und Einklang herrschte, gab es nun nur noch Dunkel, Missstimmung und Zwietracht. Überall waren die Menschen schon fast so gierig und neidisch geworden wie der Zauberer selbst und niemand konnte mehr die Schönheit des Landes wahrnehmen. Nach ihrer Heimkehr zog es die Prinzessin zu dem Spiegel, der ihr früher immer soviel Freude bereitet hatte. Sie hatte kaum noch Hoffnung, doch vielleicht konnte ihr alter Freund ihr Leiden ein wenig lindern. Die Prinzessin stellte sich also vor den Spiegel. Doch als sie hineinschaute, da wich sie entsetzt vor dem Bild zurück, das sich ihr darbot. Aus dem Spiegel glotzte voller Angst ein zitterndes Wesen mit abstoßendem Äußeren und von trauriger Gestalt. Der Spiegel aber konnte es nicht ertragen, dass er der geliebten Prinzessin ein solches Bild widerspiegeln musste und zersprang vor Verzweiflung in tausend Scherben. Eine Scherbe des Spiegels drang der Prinzessin mitten ins Herz genau an die Stelle, wo es entzwei gebrochen war. Sie fühlte einen so tiefen Schmerz, dass sie dachte, nun müsse sie sterben. Doch gerade in diesem Augenblick geschah etwas sehr Seltsames. Alles, was der Spiegel der Prinzessin jemals gezeigt hatte, war nämlich in diesem Splitter enthalten und durchdrang nun ihr Herz. Für einen einzigen Moment sah sie alle Farben der Bilder, die der Freund der Prinzessin je gespiegelt hatte, und spürte alle Gefühle, die er ihr je entgegengebracht hatte und hörte alle Lieder, die sie je gemeinsam gesungen hatten. Und da begann sich die klaffende Wunde zu schließen, der dunkle Schleier hob sich von ihren Augen, ihr Verstand wurde klar, sie konnte ihre eigene Stimme wieder hören und jeden Muskel in ihrem Körper fühlen. Da erinnerte sie sich an ihren Namen, sprach ihn laut aus und begann zu leuchten wie die Sonne an einem wunderbaren Sommertag. So ging sie ging hinaus und in ihrem strahlenden Schein verwandelte sich Schatten in Licht, Lärm in Musik und Leiden in Glück. Die Macht des Zauberers war gebrochen und das ganze Land wurde vom Fluch befreit. Alle lebten wieder glücklich und zufrieden. Wenn aber manchmal wieder dunkle Wolken in ihrer Seele aufzogen, dann spürte die Prinzessin ein Ziehen in ihrem Herzen, genau dort wo der Splitter des Spiegels saß. Dann lächelte sie auf eine ganz besondere Art und strahlte heller und wärmer als die Sonne selbst.

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