Gartengestaltung mit Ikea

In einer Woche vom 10. bis 15. März gab es ein Angebot bei Ikea: Buchsbaumkugel Durchmesser 30cm, Aktionswoche, 5 Euro. Der uninteressierte Laie mag nun denken: na ja. Bei der passionierten Hobbygärtnerin aber setzt etwas völlig anderes ein. Das Denken läuft in etwa folgendermaßen ab. Buchsbaumkugel. Na klar, brauche ich unbedingt als immergrünes formales Strukturelement in meinem oval-elliptisch angelegten Beet im vorderen Gartenteil, um die Farbigkeit der bewusst unsymmetrisch gesetzten Phlox in Kombination mit der feuerwerksartig wild anmutenden Lebendigkeit des Schmetterlingsflieders zu betonen. Gleichzeitig erfolgt ein Abgleich der im Gehirn gespeicherten Preise für Buchsbäume dieser Größe aus sämtlichen Garten- und Baumarktprospekten des letzten Jahrzehnts. Das Zwischenergebnis dieser umfangreichen, jedoch nur Millisekunden andauernden mathematischen Operation lautet: „Ist das billig!“ Sofort gefolgt vom Endergebnis: „Muss ich haben!“ In diesem Moment formt sich bereits das Bild vom neu gestalteten Beet und gleichsam wie im Zeitraffer zusätzlich dessen Entwicklung in den nächsten 20 bis 40 Jahren. Erwähnte Hobbygärtnerin atmet nun einmal tief aus und mit einem fast glücklichen Lächeln trägt sie den Termin „Ikea Buchs“ für Montag den 10. März in ihren Kalender ein. Da die Jagd zu zweit mehr Freude bereitet, verabredet man sich sogleich für Montagmorgen bei Ikea und schlägt damit zwei Fliegen mit einer Klappe. Das legendäre „Frühstück bei Ikea“. Auf jeder Party ein peinlicher Moment, wenn der Small-Talk bei diesem Thema angelangt ist. Ein Stück Ignoranz, fehlende Kultur: „Was, du warst noch nie bei Ikea frühstücken?“ Geoutet, du hättest dazu gehören können, nun bist du draußen. Voller prickelnder Vorfreude standen die beiden Freundinnen schließlich punkt neun in der großen Gemeinde der Ikea-Frühstücker vor der noch verschlossenen Ladentür. Um fünf nach neun wurde geöffnet. Und wie nebenbei hatten die beiden etwas über die Eigentümlichkeiten eines anderen Volkes gelernt. „Die Schweden sind ja auch nicht besonders pünktlich.“ Dieses Insiderwissen konnte einem im Leben sicherlich noch einmal nützlich sein. Bei Aldi wurde immer pünktlich um acht Uhr geöffnet. So sind wir Deutschen halt. Die Schweden sind flexibler und natürlich kreativer. Wir Deutschen würden niemals einen Mülleimer umdrehen, um einen Stuhl daraus zu machen. Ein Mülleimer ist ein Mülleimer. Wo kämen wir denn hin, wenn die Dinge nicht mehr dem Zweck dienten, zu dem sie gemacht wurden. Womöglich würden unsere Kinder alle Schauspieler und nicht Finanzbeamte werden. Das kann doch wirklich keiner wollen. Da ginge der Staat kaputt, armes Deutschland. Lieber setzen wir uns auf die Erde. Es war leichter als sie gedacht hatten. Unsere Gartenliebhaberinnen folgten einfach der Herde, die wusste, wo sich die Futterstelle befand. Das Restaurant strahlte den spröden Charme einer Betriebskantine aus. Nur für Banausen schien das eine Not, für Kenner war es eine Tugend. Lediglich die logische innenarchitektonische Folge des rational nützlich verspielten Corporate Ikea-Designs. Die Frühstücksnovizinnen waren ob des Angebots verunsichert, ließen sich aber nichts anmerken und stellten sich betont selbstbewusst in die Schlange. Souverän wählten sie das Komplett-Frühstück für 1 Euro fünfzig inklusive Kaffe und zwei Brötchen. Hier trennte sich schnell die Spreu vom Weizen. Die echten Insider glänzten dadurch, dass sie kühn und frei ihr Frühstück aus dem Angebot zusammenstellten. Aber wer hielt schon nach, was das dann kostete. Nein, mit 1,50 war man für das erste Mal auf der sicheren Seite. So suchten sich die beiden einen freien Platz und fröhlich plaudernd verzehrten sie genüsslich ihr Frühstück in der stärkenden Gewissheit nun Teil der Gemeinde zu sein. Um halb zehn durfte die Menge ins Kaufhaus einfallen. Die Jägerinnen wollten ihre Gier aber nicht öffentlich zur Schau stellen, so begaben sie sich erst nach dem Kaffee gegen viertel vor zehn in die Pflanzenabteilung, um die ersehnte Buchsbeute zu erlegen. Als man ihnen dort nach langem verzweifelten Umherirren und Suchen auf Nachfrage lapidar mitteilte, dass die Buchskugeln um neun Uhr fünfunddreißig bereits ausverkauft waren, brach die ganze rosarote Ikea- Frühstückswelt über ihnen zusammen und ohnmächtige Wut machte sich breit. Man beschwerte sich beim blau-gelben Personal über die schlechte Einkaufspolitik und diese üble Marketingfalle. Das hat natürlich keinen Sinn, weil die Beschwerde in die Beschwerdebox Birta kommt, die sich Ikeatypisch in der Beschwerdeabteilung flugs in den Mülleimer Wegdam verwandelt. Es wurde mitgeteilt, allenfalls morgen kämen die Buchskugeln vielleicht noch einmal, aber man würde uns dringend empfehlen, dann möglichst früh da zu sein. Das war der Funke gewesen, jener Funke, der dieses archaische alles beherrschende Jagdfieber endgültig auslöste. Einmal war die Beute entkommen, doch das würde kein zweites Mal passieren. Der Mensch lernt unaufhörlich dazu und ich wusste nun, was zu tun war. Am nächsten Tag war ich allein und reihte mich ganz harmlos wieder in die Menge der Ikea-Frühstücker ein, die gnädig schon um fünf nach neun Uhr eingelassen wurden. Gereift und mit Unschuldsmiene stellte ich mir mein Frühstück nun selbst zusammen, ganz wie die Alten. Ich zuckte mit keiner Wimper, als mir der Preis von 5,50 Euro an der Kasse genannt wurde und setzte mich souverän an einen bereits vollbesetzten Tisch. Diesmal trank ich nur einen Kaffee. Nein, ihr kriegt mich nicht mehr. Die Augen immer fest auf die Absperrung der Treppe zur SB-Halle gerichtet, war ich jederzeit bereit aufzuspringen. Als es soweit war, rannte ich nicht, sondern ging festen Schrittes in einer Art Trab an den Konkurrentinnen vorbei und setzte mich schnell an die Spitze. Gut, dass ich den Weg gestern schon einmal sondiert hatte, so konnte ich die Abkürzung zwischen Kissenabteilung und Pflanzen nehmen. Eine Handvoll anderer Buchsjägerinnen tat es mir gleich, so dass sich gleich eine kleine Spitzengruppe absetzte. Nur einmal fiel ich zurück, als ich mir einen großen Wagen besorgte, doch das war eiskaltes Kalkül und sollte sich später als genialer Schachzug herausstellen. Endlich, da waren sie. Genau vor mir in der Nähe der Kassen standen zwei Rollgestelle mit Buchsbaumkugeln. In diesem Moment wurde in meinen Nebennieren Adrenalin freigesetzt, welches sich in Sekundenbruchteilen über das Blut im ganzen Körper verteilt. Die allgemein bekannten Adrenalinwirkungen betreffen besonders Herz, Lunge und rationales Denken. Die Atmung wird beschleunigt, so dass potentiell mehr Sauerstoff aufgenommen werden kann. Das Herz schlägt schneller und der Puls rast, um den Körper mit diesem mehr an Sauerstoff zu versorgen. Die Pupillen verengen sich, der Blick wird geschärft, das Sichtfeld schränkt sich ein. Blitzschnell entschied ich mich für das linke Regal, lenkte kühn und elegant meinen Wagen direkt heran um wenigstens eine Seite vor dem Zugriff der anderen geifernden Jägerinnen zu schützen. Ich wusste, nun musste ich blitzschnell handeln. Ohne genau hinzusehen griff ich mir einen Buchsbaum nach dem anderen. Es war ein mörderischer Wettlauf mit der Zeit, denn die anderen taten es mir gleich. Ich war zudem allein. Die meisten hingegen waren zu zweit mehrere sogar zu dritt oder viert, um die Beute einzukreisen und die Gegnerinnen auszuschalten. Als ich den letzten Buchs auf meinen Wagen lud, war der Spuk ganz plötzlich vorbei. Die Regale standen nackt und leer wie Gerippe, Erdklumpen lagen auf dem Boden verstreut. Es hatte nicht einmal 30 Sekunden gedauert. Doch das schlimmste war der Blick in die Gesichter der Jagdgesellschaft. Sie waren gezeichnet vom jeweiligen Schicksal, als hätte man Freuden und Leiden der gesamten Menschheit an diesem einen Ort zu dieser einen Zeit hier Dienstagmorgen bei Ikea Kiel versammelt. Da waren die Kranken, die Kleinen, die Schwachen und die Alten. Von Anfang an ohne Chance waren sie nicht einmal in die Nähe der Pflanzen gekommen. Sie wurden von den übrigen Kämpferinnen abgedrängt und konnten von Glück reden, dass sie nicht einfach von der Menge zertreten worden waren. Welch eine Verschwendung der ohnehin eingeschränkten Energie. Als nächstes die Angeber, die selbst zwar nur eine Pflanze in den Händen hielten, aber allen Umstehenden erzählten, gestern, ja gestern hätten Sie zehn erwischt. Sie kauften diesen einen jetzt nur noch aus Sportsgeist oder einfach zum Spaß. Dann gab es noch die eine Gutherzige, die selber drei Buchskugeln abbekommen hatte. Eine davon verschenkte sie an eine weinende Frau mit Kind, eine spendete sie dem Kindergarten und die dritte brachte sie der alten Nachbarin, weil randalierende Jugendliche ihren Vorgarten zerstört hatten. Dazwischen die Gleichgültigen, die mit den Schultern zuckten, dann würden sie es halt morgen noch einmal versuchen. Vor den geplünderten Regalen auch erstaunlich viele Opfer, in deren Gesichter das Selbstmitleid tiefe Falten gegraben hatte. Mit bitterer Miene beklagten sie zum Leidwesen der Umstehenden lauthals, dass es kein Wunder sei, dass sie nie einen schönen Garten ihr Eigen nennen könnten, weil ihnen die grausame Welt noch nie eine Chance gegeben habe. Und dabei schienen sie nur durch die Gewissheit, nicht die einzigen Opfer zu sein, am Leben erhalten zu werden. Aber inmitten der Einkaufswagen mit dem dichten saftigen üppigen Grün da waren die Starken, die Siegerinnen, die Triumphierenden, das war meine Gruppe. Jede von uns hatte mindestens fünf Buchsbäume auf ihrem Wagen. Ich zählte unauffällig aus den Augenwinkeln meine Beute. Zehn Kugeln. Verglichen mit den anderen schien das tatsächlich der Sieg zu sein. Betont langsam schiebe ich den Wagen zur Kasse und weide mich an den bewundernden Blicken der Umstehenden. Ein Ehepaar mit immerhin sieben Buchsbäumen auf dem Wagen wagt es, mich anzusprechen. Mit anerkennenden und neidvollen Blicken auf meine Pflanzen fragen sie mich, wie ich es denn geschafft habe, soviel Beute zu machen, zumal ich offensichtlich auch noch allein sei. Ich bin bescheiden und fasele irgendetwas von Schnelligkeit, Geschick und Glück. Nein, meine Erfolgsstrategie werde ich niemandem preisgeben. Noch als ich durch die Kasse in Richtung Fahrstuhl gehe, schauen sie mir bewundernd nach. Als ich das Ikea-Parkhaus verlasse, bricht die Sonne durch die Wolken und hüllt mich in einen unirdischen Glanz. Das Ehepaar mit den sieben Buchsbäumen steht am Straßenrand und applaudiert. Den ganzen Dienstag befinde ich mich in Hochstimmung und bin so trunken vom Sieg, dass ich diesen Erfolg am nächsten Tag unbedingt wiederholen will. Aufgrund meiner Erfahrung und meiner verfeinerten Taktik gelingt es mir am Mittwoch vierzehn Buchsbäume zu erjagen. Donnerstag sind es nur fünf, ich bin einfach schon zu sicher und unvorsichtig geworden. Freitag ist ein schlechter Tag, keine Buchsbäume. Ich habe alles versucht, kann den Zahnarzttermin aber nicht verschieben. Am Samstag gelingt mir dann aber der krönende Abschluss. Ein schier unmögliches Unterfangen, nur zu meistern unter voller Konzentration und heroischem Einsatz: dreiundzwanzig (!) Buchsbäume auf zwei großen Wagen, ganz allein. Die letzte Schlacht ist geschlagen. Das ganze Volk liegt mir an diesem letzten Tag zu Füßen. Die Aktionswoche bei Ikea ist vorbei. Erschöpft und zerschlagen, aber glücklich genieße ich das Wochenende. Das böse Erwachen kommt am Montag. Der Krieg ist vorbei und damit auch die berauschende Schlacht, ich falle in ein tiefes Loch. Niemand versteht mich, niemand ist da, der die Depression aufhalten könnte. Nach drei Wochen fange ich mich wieder, dass Leben muss weitergehen, auch ohne den täglichen sicheren Sieg. Die Nachbarn und Freunde wundern sich. Ich arbeitete nun in jeder freien Minute im Garten. Nach fünf Monaten ist es endlich soweit. Mein ehemals naturnaher Garten hat sich in einen streng formalen Garten verwandelt, der an den Schlosspark von Versailles erinnert. Besonders das strukturelle Arrangement aus zweiundfünfzig Buchskugeln als gestalterisches Element fällt jedem Besucher sofort ins Auge. Ab dem 22. September gibt es wieder eine Aktionswoche bei Ikea. Gartenbambus 50-70cm, 3 Euro. Das ist unheimlich billig.

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