Der Elefant und der Kolibri

Vor langer Zeit marschierte ein Elefant durch den Urwald und traf einen jungen Kolibri. Dieser schwirrte um ihn herum und ließ sich auf ihm nieder. „Lass mich dein Reiter sein.“ sagte er zum Elefanten. „Warum sollte ich?“ fragte der Elefant. „Ich lebe schon Millionen Jahre hier im Wald und bin bisher gut ohne dich ausgekommen. Ich bin groß und stark, du hingegen bist klein, unerfahren und wehrlos. Kümmere dich um dich selbst und lass mich in Ruhe.“ Doch der Kolibri gab nicht auf. „Du hast Recht, du bist groß und stark. Ich bin klein und habe viele Feinde, vor denen ich mich in Acht nehmen muss. Aber dafür kann ich hoch fliegen, kann weit vorausschauen und bin sehr schlau. Lange bevor du es bemerkst, kann ich dir schon sagen, welchen Weg du einschlagen musst, um immer frisches Wasser und gutes Futter zu finden, so dass du den anderen Tieren einen Schritt voraus sein kannst. Du hingegen bist sehr alt und erfahren und witterst sofort eine Gefahr. Dann kannst du dich gut verteidigen, fliehen oder einen Feind stellen. Außer dem Feuer und dem Löwen, wagt es kaum jemand, dich anzugreifen, und eine solche Gefahr könnte ich kilometerweit voraussehen. Bei dir bin ich sicher. Keine Schlange und kein anderes Raubtier der Erde oder Luft wird es wagen, mich im Schlaf zu überfallen, wenn ich dein Reiter bin. Du siehst also, wir hätten beide etwas davon.“ Da hatte der Elefant das Gefühl, das könnte eine gute Sache werden und stimmte zu. In der nächsten Zeit machten die beiden alles zusammen. Der kleine Kolibri fühlte sich sehr sicher, weil er wusste, dass er sich auf den Elefanten verlassen konnte, denn dieser hatte in seinem langen Leben schon so vieles gesehen. Elefanten vergaßen niemals, weder Freund noch Feind. Im Laufe der Zeit gewöhnten sich die beiden aneinander und es schien als würden sie Freunde. Der Kolibri entwarf Wege zu den besten Futterstellen und warnte den Elefanten vor Gefahren, die diesem noch sehr weit weg schienen. Er machte Pläne, entwarf Strategien und erleichterte das Leben des Elefanten enorm. Aber zwei so unterschiedliche Tiere hatten es schwer. Der Elefant hatte das sprichwörtliche Elefantengedächtnis, die alten Elefantenwege waren ihm vertraut wie eine zweite Haut. Schließlich hatten schon ganze Elefantenherden vor ihm diese Pfade ausgetreten. Während viele andere Tierarten schon gekommen und gegangen waren, blieben die Elefanten so beständig wie Himmel und Erde, so schien es ihm. Also tat er sich schwer mit den neuen Wegen, die der Kolibri ihm vorschlug, weil sie diesem angeblich viel kürzer oder schneller erschienen. Und so manches Mal hatte der Kolibri ihn schon durch dichtes Gestrüpp geführt, das selbst ein Elefant kaum durchdringen konnte. Der Kolibri war voller Forscherdrang, Entdeckerlust und sein Verstand war schnell und stand nie still. Er machte unaufhörlich Pläne, wie sie ihr Leben verbessern könnten. Dann sah er wie der Elefant trotz besseren Wissens die einfachen alten Wege ging, obwohl der Vogel genau sehen konnte, dass diese nicht zu den ergiebigsten Wasserstellen und den besten Futterplätzen führten. So kam es, dass die beiden Gefährten nach und nach immer unzufriedener wurden. Erst stritten sie viel, dann sprachen sie kaum noch miteinander. Schließlich war dem Elefanten der Kolibri richtig lästig, obwohl er ihm doch nützte und der Kolibri war mindestens genauso frustriert, weil er so gute Ideen hatte, aber keine Möglichkeit, sie durchzusetzen. Selbst wenn er mit seinem Schnabel auf den Elefanten einhackte, um ihn in eine bestimmte Richtung zu treiben, so brachte es diesen nicht dazu, eine neue vielversprechende Richtung einzuschlagen. Dem weisen Elefant erschien der schlaue kleine Kolibri unbedarft und arrogant, dem Kolibri kam das mächtige Tier starrsinnig und schwerfällig vor. Der Elefant und der Kolibri blieben zwar eine Zweckgemeinschaft, aber beide waren auf ihre Weise unglücklich dabei. Warum konnte denn nur der andere nicht einsehen, was für den einen so offensichtlich war? Eines Tages zog ganz plötzlich ein Gewitter auf, als der Kolibri hoch am Himmel flog. Fasziniert vom ungewöhnlichen Leuchten, erzählte er seine Entdeckung sofort dem Elefanten, der gerade friedlich in der Sonne lag und döste. Dann wollte er geradewegs darauf zu fliegen, um das Schauspiel zu erkunden. In dem Moment spürte er, wie der Elefant ihn mit seinem Rüssel einfing und so fest packte, dass er seine Flügel nicht mehr bewegen konnte. Im gleichen Moment galoppierte der Elefant los und raste auf eine weit entfernte Senke zu. Dort angekommen legte er sich ganz flach auf den Boden und rührte sich nicht mehr. Gerade noch rechtzeitig bevor das Gewitter den Ort erreicht hatte. Der Kolibri schrie erbost: „Was tust du? Lass mich los, ich will das geheimnisvolle Leuchten erforschen!“ Da sagte der Elefant: “Das ist ein Gewitter mit Blitz und Donner. Ich habe das schon erlebt und dabei viele sterben sehen.“ Und als wolle die Natur ihm einen Beweis liefern, wurde ein Vogel im Flug am Himmel vom Blitz getroffen und fiel tot zu Boden. Auch von den Tieren, die das Unheil zu spät bemerkt hatten und nun verzweifelt einen Unterschlupf in der Steppe suchten, fielen einige den Blitzen zum Opfer. Der Spuk war schnell vorbei und das Gewitter so plötzlich vorüber wie es gekommen war. Bald darauf schien die Sonne wieder und die Welt schien schöner als zuvor, so rein und strahlend. Da bedankte sich der Kolibri bei dem Elefanten: „Du hast mir das Leben gerettet. Das kann ich dir nie vergelten. Ich habe dir Unrecht getan, deine Weisheit ist meiner Klugheit ebenbürtig und keine ist mehr wert als die andere.“ Da erwiderte der Elefant großzügig: „Wenn du den Blitz nicht so früh gesehen hättest, wäre nicht mehr genug Zeit gewesen, die sichere Senke zu erreichen. Vielleicht hätte uns dann auch der Blitz getroffen und wir wären beide tot. Also will ich mich bei dir genauso bedanken.“ Da erkannten beide, was sie einander waren und der Elefant sagte lächelnd zum Kolibri: „Kleiner Vogel, ab heute gehen wir unseren Weg zusammen, ich sage dir, wo es lang geht und du lenkst mich. Gemeinsam finden wir immer den besten Weg, wenn wir einander vertrauen.“ Da war auch der Kolibri zufrieden: „Großer Elefant, so machen wir es. Gemeinsam.“ Und von da an wurden die beiden doch noch richtige Freunde. Und weil sie noch nicht gestorben sind, leben sie noch heute

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