Biomüll

In der allgemeinen Nachhaltigkeitsdebatte kriegen viele von uns ein schlechtes Gewissen. Ich weiß, dass ich selber meinen Beitrag leisten muss, auch wenn es mir zuweilen schwer fällt. Obwohl, es wird ja heute alles Mögliche getan, um es einem so leicht wie möglich zu machen. Da hat es auch schon ganz viele Fortschritte gegeben. Das muss man schon anerkennen. Nicht nur bei der Müllverwertung, auch bei der Müllvermeidung. Wenn ich mir die Verpackungen so ansehe, fallen mir auf Anhieb eine Menge Beispiele ein. Zum Beispiel….. Na, zumindest trennen wir den Müll schon. Also manche trennen den Müll. Das ist schließlich nicht so einfach. Vor ein paar Monaten wurden braune Tonnen bei uns in den Hof gestellt und jeder Haushalt bekam einen kleinen viereckigen braunen Plastikeimer mit Griff – ganz kostenlos vor die Haustür gestellt. Dazu eine mehrsprachige Anleitung, was denn nun da rein gehört. Das war schon gut gemeint, das muss man schon anerkennen. Am Montagmorgen standen die neuen braunen Tonnen im Hof. Biomüll ist wertvoll und besonders sympathisch wegen des „Bio“ im Müll. Das hat einen positiven semantischen Hof. Damit ist die mit dem Wort automatisch verknüpfte emotionale Bedeutung gemeint, also das, was wir unbewusst mit dem Wort assoziieren. Am einfachsten kann man das an einem Beispiel erklären. Urlaub hat für die meisten Menschen zum Beispiel einen positiven semantischen Hof, während Zahnarzt und Wurzelspitzenresektion für die allermeisten einen negativen semantischen Hof hat. Ebenso ist es mit dem Wort Müll. Es ist aber individuell. Nehmen wir das Wort Bäckerei. Da assoziiere ich persönlich den Duft nach frischen Brötchen am Sonntag oder Kaffee und Kuchen. Ganz klar ein positiver semantischer Hof. Ein Freund von mir hat über einer Bäckerei gewohnt. Deswegen hat er sein Bett mit doppelseitigem Klebeband umrandet. Das hat zwar eine Art Schutzwall errichtet, aber trotzdem ist das Wort Bäckerei seitdem für ihn untrennbar mit Kakerlaken verbunden. Und die Kakerlaken haben ihren negativen semantischen Hof auf das Wort Bäckerei übertragen. Das Gehirn ist schon ein Wunderwerk. Mir geht es mit einem anderen Wort übrigens ähnlich wie ihm. Nur dass es bei mir die Blücherstraße in Berlin ist. Ich habe da mal eine ganz süße schlafende Babymaus gesehen. So ein putziges kleines Wesen mit großen Augen und samtigem silbergrauem Fell. Das kann in einem Kleintierzoo eine schöne Erfahrung sein, so ganz von Nahem ein so putziges kleines Tierchen beobachten zu können. Und weil wir uns das so vorstellen, hat das Wort Babymaus bei den meisten Leuten einen positiven semantischen Hof. In meiner Erinnerung saß die Maus allerdings in einer Pommesschale aus Pappe auf einem Regal über der Fritteuse in meiner Stamm-Dönerbude. Jedenfalls hat der Besitzer die Maus einen Moment später auch bemerkt, weil er die Pappschale für meine bestellten Pommes brauchte. Deswegen hat er sie mit einer offensichtlich jahrelang geübten, geradezu meisterhaft nonchalanten Bewegung aus der Schale geschleudert und unter den Tresen gekickt, ohne seine routinierte Arbeit zu unterbrechen. Wenn mich Leute fragen, warum ich Vegetarierin bin und etwas gegen Fast Food habe, dann erzähle ich, das hätte gesundheitliche Gründe und wegen der Tiertransporte. Und wenn ich dann an den Mäusefriedhof unter dem Tresen in der Döner-Bude in der Blücherstraße denke, stimmt das auch irgendwie. Aber das war vor der Zeit mit den braunen Tonnen. Also mit dem Wort Müll assoziiert man wahrscheinlich eher so was wie dreckig, oll, stinkend. Das Recycling hingegen, da steckt kein bisschen Müll drin, also im Wort. Das klingt sauber, anständig und gut. Und Mehrweg klingt besonders gut. Das ist so ein guter anständiger und fleißiger Müll. Der geht nicht nur einmal hin, so wie die ganzen faulen Einweg-Artikel. Nein, der müht sich für uns ab. Da ist die treue Glasflasche (weiblich, warum wohl?!), die täglich wieder zum Brunnen geht und sich selber füllt, bis sie bricht. Und sie hat immer ihren Organspendeausweis in der Tasche und daraus kann dann eine neue, schöne Glasflasche wiedergeboren werden. Das ist vorbildlich. Ja, da könnten wir uns ein Beispiel dran nehmen. Da bekäme der Ausdruck „Du Flasche“ einen ganz anderen semantischen Hof. Biomüll hat auch etwas tief Philosophisches. Bio heißt Leben und dann ist Biomüll sozusagen der Müll des Lebens. Und da fragt man sich schon, was landet in unserem Leben eigentlich alles auf dem Müll, was bleibt auf der Strecke, also so im übertragenen Sinn. Da macht man sich oft viel zu wenig Gedanken. Und dann ist das Leben womöglich plötzlich vorbei. Zum Beispiel könnte einen eine Mücke stechen. Wer ist nicht schon einmal von einer Mücke gestochen worden. Und schwups biste tot. Sie denken jetzt, das ist doch keine normale Mücke, nein, das ist doch bestimmt eine Tigermücke gewesen. Genau, der Name sagt es ja schon. Tiger. Gefährlicher semantischer Hof. Aber so lebt der nun fast ausgestorbene Tiger wenigstens in der Mücke weiter. Ich bin mir nicht sicher, doch ich glaube, in diesem Moment habe ich zum ersten Mal ein wirklich tiefes Verständnis für den Kreislauf der Wiedergeburt entwickelt. Da können sich Biologie und Buddhismus Hand in Hand mit dem armen Opfer der Tigermücke auf dem Weg ins Nirwana machen. Ein solcher Tod hat eine gewisse Poesie. Die Asiatische Tigermücke ist aber erst in Süddeutschland eingewandert, so versuche ich es meinem 10jährigen Sohn zu erklären. Seitdem er in den Kieler Nachrichten einen großen Artikel über die Gefährlichkeit der Tigermücke gelesen hat, will er sein Zimmer mit einem dreidimensionalem engmaschigen Netz von doppelseitigem Klebeband ausstatten, weil er das Problem mit den Kakerlaken über der Bäckerei aus den Erzählungen unseres Freundes kennt und neulich Mission Impossible gesehen hat. Er gehört zu den armen Kindern, die in einem mit Menschen gefüllten Raum als einziges Kind am nächsten Morgen so aussehen, als seien sie über Nacht in die Pubertät gekommen. Und das am ganzen Körper, nicht nur im Gesicht. Ein Gutes hat es allerdings. Als das Kind klein war, haben ihm die Großeltern eingeredet, dass die Mücken sein süßes Blut mögen. Er isst bis heute im Sommer keine Süßigkeiten, auch wenn es ihm schwer fällt. Deshalb habe ich diesen Irrtum natürlich nie aufgeklärt. Im Gegenteil, ich habe die Strategie aufgenommen und perfektioniert. Seit einigen Monaten schmuggle ich gefälschte wissenschaftlich anmutende Artikel über die Gefahren eines hohen Taschengeld-, Eis- und / oder Fernsehkonsums in die Fernsehzeitung und lasse sie scheinbar unbeabsichtigt an dieser Stelle aufgeschlagen auf dem Wohnzimmertisch liegen. Da steht dann, dass insbesondere 11- jährige dumm wie Bohnenstroh davon werden und auch total uncool. Wichtig ist, auf keinen Fall darauf hinzuweisen und darüber zu reden, damit das Kind keinen Verdacht schöpft. Diese Methode ist schier unglaublich variabel. So lanciere ich seit neuestem Vokabeltests und Mathematikaufgaben in die Micky-Maus-Hefte des Kindes, bei denen man z.B. i-Pods, Computerspiele oder Roboter gewinnen kann und zwar genau die, die gerade angesagt sind. Wichtig dabei ist, nach einer Weile der Teilnahme kleine Gewinne per Post kommen zu lassen, um die Motivation aufrecht zu erhalten. Auf diese Weise ist mein Sohn in Mathematik und Französisch bereits auf dem Weg, Klassenbester zu werden. Nur einmal hatte ich ein Problem, als ich ihm alte Hefte von 1985 vom Flohmarkt mitgebracht hatte und ich ein Gewinnspiel mit dem Einsendeschluss 2013 untergebracht hatte. Ich konnte mich gerade noch mit Retro-Style rausreden. Ich gebe zu, das Ganze erfordert auf Elternseite ein bisschen Einsatz und Kreativität, ist aber immer noch deutlich billiger und effektiver als Nachhilfe. Eine elegante Variante dieser Strategie ist es auch, im Bekannten- und Verwandtenkreis falsche, aber eindrucksvolle Informationen zu streuen und an geeigneter Stelle immer mal wieder auf das Thema zu sprechen zu kommen. Mit der Zeit prägt sich das ein und wird weiterzählt. Wer kennt das nicht: Spinat ist gesund, weil er so viel Eisen enthält. Beim Schielen können die Augen stehen bleiben. Onanieren macht blind. Auf diese Weise gelangt es von außen an das Kind und man ist von jedem Verdacht befreit. Natürlich birgt das auch Gefahren im psychischen Bereich. Selbst als falsch erkannte Glaubenssätze sind hartnäckig und oft mit dem Verstand nur schwer beeinflussbar. Während ich ansonsten keineswegs regelmäßig meine Vorsorgetermine wahrnehme, lasse jedenfalls noch heute meine Augen regelmäßig kontrollieren. Biomüll kann aber auch heißen: das Leben des Mülls. So war es dann zumindest bei uns im Hinterhof. Das Projekt mit den braunen Tonnen war bestimmt gut gemeint, das muss man schon anerkennen. Auch, dass die Tonnen braun sind, da hat sich jemand richtig Gedanken gemacht. Also Rot zum Beispiel assoziiert jeder mit Feuer und Liebe, Grün ist Natur und beruhigt, Blau steht für Meer und Frische und was assoziieren wir mit Braun…ja, das ist schon io. Das versteht jeder sofort. Das war wohl das Problem. Zum Beispiel waren immer jede Menge Plastikwindeln in der Biotonne. Das kann man den Leuten nicht wirklich verdenken, dass sie das da reingeschmissen haben. Besonders in einer Tonne war aber dann auch jede Menge Leben. Jemand hatte wohl gedacht, die kleine viereckige braune Tonne wäre ein Einwegartikel und hat sie in den Hof gestellt. Zumindest war sie wohl wirklich mit Biomüll gefüllt. Die Müllmänner ignorierten sie natürlich. Nach einer Woche wölbte sich der Deckel und durch den entstehenden Spalt müssen außerirdische Lebensformen eingewandert sein. Zumindest erklärte mir das meine vierjährige Tochter begeistert, als sie mir einige Tage später unsere neuen Untermieter vorstellte, die sie im Hof in der Nähe jener Tonne gefunden hatte. Die fühlen sich so richtig wohl bei uns, erzählt sie begeistert, die haben schon ihre Freunde eingeladen. Das nenne ich gelungene Integration. Da lade ich doch direkt mal den zuständigen Politiker ein und stell das vor. Das Thema Fortpflanzung steht jetzt wenigstens als nächstes auf dem familiären Bildungswochenplan. Das ist nicht schön. Dafür müssen „Chinesisch im Fingerspiel“ und „Großer Spaß mit dem kleinen Latinum“ für Vorschulkinder aus dem Elite-Verlag ausfallen. Das bedeutet vermutlich, dass wir bis nächstes Jahr nicht fertig werden und das „Große Latinum für kleine Leute“ vor dem Schulanfang nicht mehr abschließen können. Was das für die Zukunft des Kindes bedeutet, mag ich mir gar nicht ausmalen. Als ich dem Kind klarmachen will, dass ihre neuen Freunde nicht der richtige Umgang für sie sind, setzt sie ihr trotzigstes Gesicht auf. Dann nimmt sie die Karte mit dem chinesischen Schriftzeichen für Nein und hält sie hoch. Es gibt im Chinesischen fünfundzwanzig verschiedene Schriftzeichen für Nein. Es muss ein wichtiges Wort sein, denn bisher dreht sich der ganze Kurs nur um dieses Wort. Meine Tochter erklärt mir die verschiedenen Bedeutungen bei jeder neuen Karte. Ich kann nämlich kein Chinesisch. Dieses Schriftzeichen habe ich mir gemerkt und es heißt „Nein und nochmals Nein“. Dazu sagt sie: Alea iacta sunt. Da bin ich plötzlich so erfüllt von elterlichem Stolz, dass ich nicht einmal den Fehler im Lateinischen korrigiere. Die Würmer dürfen bleiben. Ich persönlich glaube, man hätte das Projekt anders aufziehen müssen. Gut gemeint ist eben nicht immer gut gemacht. Es ist immer schade, wenn man es nicht bis zu Ende denkt. Das mit der Farbe zum Beispiel. Nehmen wir den normalen Müll. In Berlin sind die Müllautos orange, die Müllbehälter an der Straße sind auch orange und die Uniform der Müllmänner ist auch orange. Das weiß jedes Kind, auch in Kreuzberg. Die Müllabfuhr hatte schon Corporate Design bevor es das Wort überhaupt gab. Die Biotonne ist Braun, der Biomüllhauseimer ist braun und die Biomüllmänner? Das geht in Kreuzberg nicht. Da muss man auch das Umfeld und die Zielgruppe einbeziehen. Nur, weil das in Brandenburg und Sachsen funktioniert, kann man das nicht eins zu eins auf Berlin übertragen. Und das ist auch gut so! Ich nehme an, deshalb haben sie sich die persönliche Schulung dann gespart, weil sie das doch noch gerade rechtzeitig überlegt haben. Es fehlten auch die Anreize. Man hätte die Menschen an die Hand nehmen und sie mit dem neuen Medium braune Tonne vertraut machen müssen. Da müssen Emotionen im Spiel sein, da muss Lust geweckt werden. WOB, World of Biomüll, da hätte man gleich eine Marktdurchdringung bei der Zielgruppe, den 14-20jährigen erreicht. Die sind schließlich unsere unmittelbare Zukunft. Da hätte das Belohnungssystem im Gehirn mit Dopamin nur so um sich geschmissen. Natürlich, das wäre keine Garantie für das Verhalten im echten Leben gewesen, aber selbst wenn nur der ein oder andere Amoklauf zur Biotonne ausgelöst worden wäre, wäre das doch besser als nichts. Ich finde überhaupt, der Staat sollte sich insofern modernisieren, dass er sich bei den Medien und der Werbebranche mal abguckt, wie man die Massen gewinnen kann. Wenn man Jugendliche dazu bringen kann, freiwillig Hosen zu tragen, die aussehen, als hätten sie ihren Biomüll direkt darin entsorgt, dann muss man mit entsprechenden Mitteln doch auch die nützlichen Sachen wie Fahrräder, Mülltrennung und Solarkraft hypen können. Das mit der Attraktivität ist natürlich so eine Sache. Manche Wahlkampfplakate von Angela Merkel sehen aus wie die Vorher-Bilder in den Frauenzeitschriften, nur dass es in Wirklichkeit die Nachher-Bilder sind. Aber ist auch Geschmackssache.

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